donderdag 28 april 2011

Einführung in die Austellung Human Landscape

Uwe Dönisch-Seidel

Einführung in die Ausstellung Human Landscape
Skulptur & Installation
von Casper ter Heerdt und Ellis Schoonhoven
am 17. April 2011 in der Galerie Sebastianskapelle in Ulm



Willkommen in der wundersamen, gleichsam faszinierenden wie irritierenden Welt der beiden niederländischen Künstler Ellis Schoonhoven und Casper ter Heerdt.

„Menschliche Landschaften – Human Landscape“, das ist der Titel dieser Ausstellung.

Landschaften betrachten wir, erleben sie, wir erkunden sie, wenn sie uns fremd sind und unbekannt und wir durchwandern sie, um sie zu erfahren. Dabei treffen wir auf Bekanntes und auf Neues. Mit dem Titel „Human Landscape“ möchten die beiden Künstler Sie einladen, die Ausstellung der verschiedenen Skulpturen und Installationen zu erwandern und dabei festzustellen, was ist neu, was ist bekannt, wo finde ich mich wieder?

Sie schreiben: „Uns interessiert die Frage: Wer sind wir und wie verhalten wir uns? Wir untersuchen, ob unsere Fragen rein persönlich oder universal sind. Wir möchten Euch gerne begegnen.“ Das ist ein durchaus ungewöhnlicher Ansatz für ein Ausstellungskonzept. Ellis und Casper geben also keine Antwort auf die von Ausstellungsbesuchern gern gestellte Frage: „Was will der Künstler damit sagen? – oder: Was stellt das dar?“. Sie stellen selbst eine Frage: „Wer sind wir, wie verhalten wir uns?“ Sie sehen die Kunst als ständigen persönlichen Entwicklungsprozess zur eigenen Identität, als Reflektion und die Ausstellung als Aufforderung zum Dialog.

„Geht Ihnen das auch manchmal so? – Kommt Ihnen das nicht auch irgendwie bekannt vor?“ In diesen Dialog bringen sie sich mit rückhaltloser Offenheit selbst ein. Die inneren Zustände und Befindlichkeiten, Stärken wie Schwächen der einzelnen Figuren dieser Ausstellung erscheinen also vulnerabele als verletzbare Persönlichkeiten auf einem Sockel präsentiert, wie Helden. Dabei ist gerade auch der Sockel in das Gesamtbild ihrer Kunst einbezogen und sehr unterschiedlich dargestellt. Klassisch aus Holz oder Beton, aber auch als chinesische Vitrine, Vogelkäfig oder als altes Chippendale-Schränkchen. Die Helden, die wir sonst als Denkmäler auf Sockel gestellt kennen, vermeintlich starke, anmutende und schöne, perfekte fehler- und mangelfreie Wesen sind von Ellis und Casper längst als unglaubwürdig vom Sockel geholt, entlarvt und überführt.

„Wir sind Helden“ – die Unperfekten.

„Zeige Deine Wunde“ forderte auch Joseph Beuys auf und sah darin eine wesentliche Voraussetzung für kreative Weiterentwicklung und schöpferische Gestaltung des eigenen Umfeldes, der Gesellschaft.

Casper ter Heerdt und Ellis Schoonhoven benutzen für ihre Arbeiten sehr unterschiedliche Materialien. Bei Ellis findet sich ein Schwerpunkt in der Steinbearbeitung sowie Arbeiten mit Gips, Casper erstellt Bronzeskulpturen, aber auch solche aus Wachs. Beide verwenden also klassisches, unverwüstliches Material aber auch sehr empfindliche Werkstoffe. Ein weiteres Element, das beide verbindet, sind zahllose Fundstücke, die verarbeitet werden.

Deshalb ist das Atelier der beiden in einem alten Fabrikgebäude am Rhein vor den Toren Nijmegens auch ein besonderer Ort, in dem schon draußen vor der Tür die verschiedenen Steinblöcke ins Auge stechen, teils bearbeitet, teils nur auf eine Intuition zur Bearbeitung wartend. Im Atelier dann aber auch die vielen Schubladen mit kleinteiligem Spielzeug und Accessoires, fein säuberlich nach Ähnlichkeit und Größe geordnet, die dann mit den Figuren kombiniert werden. So entstehen in spielerischer aber auch experimental-untersuchender Weise neue Situationen und überraschende Verbindungen, immer höchst persönliche, private, intime Momente.

Ein Teil der Ergebnisse ist in dieser Ausstellung zu sehen. Da das Non-verbale, die reine Körpersprache, den größten Teil unserer Kommunikation ausmacht, stellt gerade die Verwendung der unterschiedlichen Materialien und ihre Kombination einen unerschöpflichen Brunnen an Möglichkeiten für die gestalterische Arbeit der beiden Künstler dar.
Sie finden hier im Eingangsraum sechs Arbeiten, vier von Ellis Schoonhoven, zwei von Casper ter Heerdt. Im Mittelpunkt die beiden Arbeiten der Einladungskarte.

Eine Gruppe aus Bronzefiguren, die Ihnen in Größe und Form noch einige Male in unterschiedlichen Kontexten in dieser Ausstellung begegnen werden.

Scrum, Bronze, 2008

Die Figuren stehen im Kreis, alle nach vorne gebeugt, suchend, fokussierend, auf einen Punkt gerichtet. Ein gemeinsamer starker Drang, sich diesem Fokus zuzuwenden, gleichwohl auch etwas hilflos, staunend, fragend. Vielleicht schauen sie auf etwas, wie die große Skulptur von Casper.

All dressed up, Bronze, Beton, 2008

Eine Auftragsarbeit aus Bronze, auf einem schweren Betonsockel gesetzt, fertig, verkauft. Aber es geht auch von dieser Figur eine unglaubliche Anziehungskraft, ja auch Begehrlichkeit aus. Ein wohlgeformter Körper, durch ein hautenges Kleid betont, in dem ein Mann steckt.

In der Vitrine eine menschliche Landschaft von Ellis Schoonhoven, aus Strümpfen genäht, eine warme, weiße, weiche, wulstige, weibliche Landschaft – leider hinter Glas.

Female figure, Nylonstrumpf, Fiberfill, Vitrine, 2011



Ebenfalls auf einem besonderen Sockel eine Art Selbstportrait und, wenn Sie die Hände betrachten, eine Frage im Sinne von „Kennen Sie das auch?“.



Memoires, mixed media, 2011



Der Kopf auf dem Gipskorpus; ein Wolkengebilde, lauter bestrickte und behäkelte Kissen, darauf in mehreren Sprachen „Erinnerung“. Das menschliche Wesen als Produkt seiner Lebenserfahrungen, auf die er ständig wieder zurückgreift. Manches liegt dabei sehr offen, manches verschlossen, z.B. in einer der Schubladen des Chippendale-Schränkchen-Sockels und muss erst erweckt werden, zum Beispiel durch das Betrachten einer der Skulpturen von Ellis oder Casper.

Schauen, Gucken, Betrachten ist immer mit Denken und Fühlen verbunden. Das Gedächtnis, die Vergangenheit liefert das Hauptmaterial für das Denken. Mit jeder wiederbelegten vergangenen Erfahrung, mit jeder Erinnerungsspur, die in unser Bewusstsein dringt ist auch ein Gefühlszustand verknüpft. Alles was wir erleben fühlen wir auch irgendwie und der cognitive Apparat speichert es immer zusammen ab. Erfahrung und Gefühl, Affektlogik.

Und das ist das besondere an der Kunst, dass sie neue Erfahrungen ermöglicht, gerade Skulpturen und Installationen und gerade die Arbeiten von Ellis und Casper. Sie widersprechen den gemachten Erfahrungen, sie konfrontieren, sie hinterfragen und ermöglichen so dem Betrachter neue Verknüpfungen zu speichern und einen Veränderungsprozess anzustoßen.

In ihrem permanenten Veränderungs- und kreativen Gestaltungsprozess als Künstler, haben sich Ellis und Casper selbst zum Untersuchungsobjekt gemacht. Sie bieten Ihnen als Ausstellungsbesucher mit großer persönlicher Offenheit und Intimität an, daran teilzuhaben und selbst im Dialog zu reflektieren. Deshalb auch die Spiegel in der Erinnerungswolke der „großen Ellis“ hier im ersten Raum.

Was die Arbeiten der beiden Künstler aber auch so spannend macht, sind die Themenbereiche denen sie sich in der Selbstreflektion stellen: Intimität, Leben, Tod, menschliche Beziehungen, Liebe, Verletzlichkeit und Kraft, Rebellion, Humor, Spiel. Sicherlich gibt es zwischen den beiden Künstlern wechselnde Schwerpunkte. Was sie aber verbindet, ist das Verlangen nach Freiheit und je besser ich mich kenne, desto freier und unabhängiger kann ich leben.

Meine Damen und Herren, wenn Sie jetzt durch diese Ausstellungslandschaft wandern um sie zu erkunden, dann werden Sie sicher auch bei sich einige Begehrlichkeiten spüren. Verständlicherweise ist die Begehrlichkeit des Berührens teilweise eingeschränkt.

Die Begehrlichkeit, ein solches Objekt der Begierde zu besitzen, hingegen nicht. Es existiert eine Preisliste.


Uwe Dönisch-Seidel

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